Katha Schulte

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Florida

Beiträge für das Leben nach der Stadt, 1/2010

DRAUSSEN. Romanauszug

 – Katha Schulte

Ich hatte wohl auf minus 2 gedrückt, denn wo der Fahrstuhl mich ausgab, war nicht der Hauptausgang, hielten nicht die Nikotingespenster ihre unentwegte Wache, sondern dort war ein schwach beleuchteter Gang. Ich lief hinein. Ich musste mitunter den geistigen Abwegen Doktor Dauns auf eigenen Abwegen entkommen. Der Gang war gekachelt und sah deutlich nach Hygiene aus wie zugleich nach dem Schmutz, gegen den die Hygienevorschriften sich richteten, das Gewimmel, wie ich dann dachte. Auf Brusthöhe verlief den ganzen Gang entlang eine überraschend große Dekoration, die sich mäandernd zusammensetzte aus an Kranichvögel erinnernden Elementen, welche weit ihre Schwingen ausbreiteten. Dass es zunächst ab und zu Türen gegeben haben musste, fiel mir erst auf, als ich schon eine ganze Weile in den Gang hinein gegangen war und es keine mehr gab. Keine Türen, nur ein Gang. Man konnte unentwegt gehen, wobei der Gang bald nach rechts bald nach links abbog, doch ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, mich verlaufen zu können, denn es gab immer nur jeweils eine Möglichkeit; keine Kreuzungen. Ich befand mich in dem hellwachen und zugleich deliranten Zustand, in den jemand gerät, der nie schläft und wenig erlebt. Wenn ich sage, ich ging so vor mich hin, dann entspricht das in etwa den Tatsachen, denn bei jedem Schritt war mir, als ginge ich halbschattenhaft mir selbst dabei schon um einen Sekundenbruchteil voraus, so dass ich jedes Mal gleichsam in meinen eigenen Schritt hineinrutschte. Vielleicht lag es auch an den Tabletten. Ich war ordentlich geschafft, als mein Krankenhausbett mich wieder fand. 

Hallo, murmelte es. Ich ließ die Augen geschlossen. Ich öffnete meine Augen zu flatternden Schlitzen, es blieb finster, nur die Kontrolllampen hinter unseren Köpfen leuchteten einzeln in der Nacht. In der Gegend rechts über meinem Kopf konnte ich allmählich das ebenmäßige linke Profil des Arztes ausmachen, die dünnen Lippen. Von dieser Seite sah der Arzt ganz friedlich aus, gerade als ob er schlafe, sehr ansehnlich, wie er an meinem Bettrand saß. Vergeblich versuchte ich seine Augen auszumachen, sie blieben im Gewirr der Höhlen verborgen. Doch warum eigentlich Doktor Daun zu jeder möglichen Tag- und Nachtzeit, mit Vorliebe aber mitten in der Nacht, mir dem Blutdruck maß, Blut abnahm oder die Infusion kontrollierte, das wusste ich im Grunde nicht. Sch-sch, machte der Arzt und nahm zwischen zwei Fingern und dem Daumen mein Handgelenk von der Bettdecke hoch, leise pingte der Tropf meiner Bettnachbarin, Doktor Daun fühlte meinen Puls. Sein Profil lag im Dämmer, im Halbschatten hinter ihm hörte ich die langsame Queen leise rasseln; hinten wo die frisch operierte Frau L. lag, war es fast vollständig finster. Ich ließ die Augen zufallen und öffnete sie wieder, zu kaum noch merklichen Schlitzen. 

Daun legte bedächtig meinen Arm zurück und starrte an die Wand.

––

Tagsüber bin ich viel auf dem Gelände herumgelaufen, sobald mir der Gang nicht mehr genügte mit seinem ewigen Licht. Ein seltsames Industriegebiet ist das Krankenhaus, ein weitläufiges Gelände, eine Stadt für sich. Täglich strich ich da bald umher zwischen den Sauerstoffsilos und Bettenburgen, den Abteilungen in ihren Pavillons, Klinkeranlagen, billigen Bauten, stinkenden Blüten hinter baufälligen Veranden, den großen Trakten der Aulen und Bibliotheken, den kleinen gärtnerischen Anlagen – so etwas wie die Schönheit der unter der Oberfläche des Wassers sichtbaren Fische dort im Teich, doch, das gab es auch in dieser Welt. Umher strich ich zwischen Cafeteria und Tennisplätzen, den hoffnungslosen Versuchen der Kranken, ein paar Freiluftminuten zu verbringen, dem trostlosen Lesen der Zeitungen, den Geleitungen der Begleitungen, dem Verabschieden der Gäste, den Grüßen zwischen den Ärzten, Papieren unter Armen, Krücken unter anderen, Armen in Arme eingehängt, versickernde Worte, beiläufige Aufmunterungen, Zentralarchive, Pathologie, Leichenverbrennung, Virologie, Seuchenzentrum und so fort.

Das Krankenhaus war in seiner grundlegenden und damals neuartigen Parkanlage in den 1880er Jahren als eine der ersten Pavillonkliniken erbaut worden. Die Bevölkerungen auch Mitteleuropas wurden damals noch weit mehr von epidemischen Krankheiten geplagt, während das Prinzip der Ansteckung allerdings noch ganz umstritten war. Vielmehr glaubte man, Krankheiten würden vornehmlich durch schlechte Luft übertragen, wie es ja auch die Bedeutung des Wortes Malaria ist. Daher galt die luftige Verteilung der Kranken auf den Arealen des Hospitals auf möglichst viele einzeln stehende Pavillons als eine wichtige Maßnahme zur Isolierung und hernach Heilung. Auch die eigens von den Krankenhäusern selbst verursachten Infektionen wollte man so vermeiden. Neu war es auch, nur akut Kranke zu behandeln. Dagegen die Armenhospitäler früherer Zeiten hatten auch als Pflegeheime für Gebrechliche gedient. Vor allem seit dem zweiten Weltkrieg ist dann die Grundstruktur des Geländes durch vielfältige Anlagen überbaut worden, so dass es heute eine unübersichtliche Ansammlung verschiedenster, den verschiedensten Funktionen folgender Formen darstellt, denen die Parklandschaft in weitesten Teilen gewichen ist zugunsten eines undefinierten Aufeinandertreffens von Zwischenräumen. Anders als bei anderen siedlungshaften Gebäudeansammlungen gibt es im offenen Raum um die geschlossenen Bauten des Hospitals herum keinen Anlass dafür, ihn als einen öffentlichen Raum aufzufassen. In diesen zwischenräumlichen Brachen drehte ich Tag täglich zwischen den Leerzeiten so meine Runden und folgte keinem bestimmten Plan. 

Zu einem der abgelebten Pavillons kam ich häufig und gern, bei dem es so wunderlich roch, ich wusste nicht, was es war: war das Vanille? Im Garten, der sich an die Veranda hinten anschloss, standen im Unkraut Fässer mit etwas, kräftig blühende Rosenpflanzen rankten am Holz des Vorbaus hinauf, rosenhafte Schlingpflanzen, die fettesten Pflanzen, die ich jemals gesehen habe, gut im Futter; diese Südstaatenarchitektur erinnerte mich an etwas, und waren es denn die Blüten, die so stark rochen? Einmal glaubte ich im Inneren der Baracke etwas sich bewegen zu sehen, dann war wieder alles still.

Wenn ich über das Gelände lief und meine Runden drehte, war die Gegend immer wie im Ganzen gelähmt. Es war als ob die Austauschprozesse in der Luft dort langsamer vonstatten gingen. Die Struktur der Moleküle ist ja nicht fix. Innerhalb der Teilchen ist immer ein Auf und Ab der Teile. Zwischen den Teilen fiel weniger Licht hindurch. Es war am dunkel werden und die Luft war wie verbraucht hier draußen, ich fragte mich, von wem. Kein Weg war so, dass ich ihn machen musste, ich strich so um die immer gleichen Blocks und Häuschen, Pavillons und Zentralmassive. Gebäude verbargen Funktionen, die Luft war wie anderer Leute Restluft, die durch einen ereignislosen Tag verbrauchte Luft; Körper waren erkrankt, genesen, entlassen, geöffnet, verschieden, zerstückt worden, mehr war nicht losgewesen.

An drei, vier, oder auch acht Stellen gibt es Ausgänge aus dem Gelände, mit Schranken teils, teils ohne. Es war nicht so, dass man das Krankenhaus nicht verlassen konnte, es war nur einfach nicht erwünscht. Doch auf dem Gelände der angrenzenden Wohngegenden hatte man dann auch nicht gerade das Gefühl, draußen zu sein und anderswohin zu kommen, sondern vielmehr, als führten die Wege, wenn man sich ihrem Willen überließe, in das vorige Gelände einfach wieder hinein, als wären alle nach außen führenden Wege letztlich wieder nach innen hin eingebeugt wie die Enden der Halme am Rand eines Strohhuts. Auch wurde es, wo außen sein sollte, nicht heller, und es gab im Gegensatz zum Innen keinen Rand, der etwas Helleres hätte verheißen lassen. Ohne dass ich von einer stärkeren Anziehung oder auch Abstoßung hätte sprechen können, teilten die Wege, die durch das Gebiet des Krankenhauses und aus ihm hinaus führten, einem mit, sie führten auch wieder hinein. Also blieb ich, und so taten es alle. Eine endliche Welt von unendlicher Geduld. Begleitete mich Maria, machte ich die Wege einfach, ging schneller, steuerte Ziele an. Allein war es ein langsames Gehen, nie hielt ich länger irgendwo an oder setzte mich hin, nie ruhte ich irgendwo aus, das Ausruhen hatte hier keinen Sinn. Hier war Wissen, hier war Industrie. Und doch war nach der Reglosigkeit der Anlage und dem unentwegten Stillliegen des Außenbetriebs, dem ununterbrochen zum Erliegen gekommenen Außenbetrieb nichts vom Leben oder Sterben, vom inneren Getriebe hinter all den Wänden zu erahnen, nichts, das etwa über diejenigen Austauschprozesse hinausging, für die ein Leitungssystem für Sauerstoff oder Strom garantierte. Diese Wände wollten nicht reden, außer von einer Historie als erstes größtes Pavillonkrankenhaus an guter Luft.

Ich dachte oft an meinen Zoo, dessen Auswege ganz ebenso wenig aus ihm hinausführen, der ganz ebenso seine eigene Stadt ist und ebenso isoliert seine Bewohner. Dort allerdings dringt das Leben durch die Wände, als Geruch, als ein feinstoffliches Kontinuum, das durch alle porösen Gemäuer hindurch ein Gewebe von Zusammenhang bildet. Oh doch, es gibt schweigende Tiere, es gibt viele schweigende Tiere, jeder, der einmal einen Zoo besucht, weiß es, doch das Schweigen dringt durch die Wände als geheimnislose Verbindung. Das Leben der Tiere in den Parks ist kein Vegetieren und ist auch kein Absterben, es ist ein unentwegter Übergang im Museum der Arterhaltung. Denkst du einmal an die Tiere in Begriffen des Menschen oder an die Menschen in den Begriffen des Tiers, dann spürst du, wie dir gleich alles aus den Händen und durch die Finger fällt und fällt und fällt. Es gibt keine Übersetzung. Kraft ihres Lebens im Park sind die Tiere Zeugen ihrer durch Menschen bestellten eigenen Arterhaltung. Wenigstens den Elefanten sieht man es an, wie alt sie darüber werden. Wer soll beurteilen, ob es deiner würdig ist, wenn die Funktion deines Lebens darin besteht, die Erhaltung deiner eigenen Art zu bezeugen? Der Mensch, der annimmt, im Park der Freiheit zu leben, ahnt von solcher Funktion nichts.

––

Der schlafende Doktor Daun war für mich ein seltsamer Anblick. Seine Hände hingen an ihm herunter, er war auf dem Stuhl zusammengesunken und seine Gesichtszüge entspannten sich bis zur Blödigkeit. Der Doktor hatte mir den Puls gefühlt und mich an einigen Stellen leicht betastet, dann mich oberhalb der Augen plötzlich stier gemustert, als käme ihm etwas in den Sinn, wobei er den Stuhl, der zwischen meinem und meiner Bettnachbarin Bett zur Tür hin stand, unter sich herangezogen und sich darauf gesetzt hatte. Während er so versonnen, eingesponnen, weiter auf die Stelle über meiner Nasenwurzel gestarrt hatte, waren seine Lider langsam heruntergefallen und von seinen Augen war nur noch ein Rest Weiß zu sehen geblieben. Er war mit mir beschäftigt. Ich ließ ihn ein Weilchen bei seiner Beschäftigung, was immer es war. Der große Doktor med. Daun saß brüchig an meinem Bett und schlief.

(AUSZUG aus dem Roman UNWESEN)

schreibt

Unwesen – Katha Schulte

Unwesen

Roman

Hablizel Verlag 2010

Projekt Nerven – Katha Schulte

Projekt Nerven

Projekt Bing – Katha Schulte

Projekt Bing

Ein Zeichen – Katha Schulte

Ein Zeichen

tau – Zeitschrift für Literatur, #3, 2019: urlässig – Katha Schulte

tau – Zeitschrift für Literatur, #3, 2019: urlässig

 

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